Wie entwickelt man Europas führenden Rechenzentrumsstandort weiter?
Wir sprachen mit Dr. Walter Fischedick, Abteilungsleiter „Grundsatzfragen, Recht und Regulatorik der Digitalisierung, Digitalwirtschaft, Start-ups, Innovation, Technologieförderung, Technologietransfer, digitale Infrastruktur“ im Hessischen Ministerium für Digitalisierung und Innovation
Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet haben sich zu einem der bedeutendsten Rechenzentrumsstandorte Europas entwickelt. Was waren rückblickend die entscheidenden Faktoren für diesen Erfolg – und welche davon lassen sich überhaupt auf andere Regionen übertragen?
Durch die traditionell starke Finanzbranche, also den Banken- und Börsenstandort, aber auch durch die Industrie getrieben, entstanden bereits in den 70er Jahren große Rechenzentren in Frankfurt. Gemeinsam mit der Mitte der 90er Jahre getroffene Entscheidung der Stadt, auf Glasfaser und Marktöffnung zu setzen, waren früh Voraussetzungen vorhanden, dass hier ein Datenhotspot entstehen konnte. Die enorme Konzentration an Daten zog automatisch weiter IT-Infrastrukturen an. Hessen hat also sehr frühzeitig die strategische Bedeutung von Breitband- und Glasfasernetzen erkannt und den Ausbau politisch sowie finanziell konsequent vorangetrieben.
Frankfurt war und ist quasi ein sich selbstverstärkender Rechenzentrumsstandort geworden. Das lässt sich nicht einfach übertragen.
Mit der Größe eines Rechenzentrumsmarktes verändern sich auch die Herausforderungen. Flächen, Netzkapazitäten, Energieversorgung, Abwärmenutzung, Genehmigungsverfahren und die Akzeptanz vor Ort spielen heute eine deutlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Was ist aus Ihrer Sicht derzeit die entscheidende Herausforderung für die nächste Entwicklungsphase des Standorts Hessen?
Stromversorgung und Netzausbau bleiben die zentralen Herausforderungen bei der Entwicklung des Standortes. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist sicherlich auch die gesellschaftliche Akzeptanz vor Ort. Rechenzentren stehen hinsichtlich Energieverbrauch und Flächennutzung mittlerweile stärker im öffentlichen Fokus. Hier sind die transparente Kommunikation und die frühzeitige Einbindung der Bevölkerung sowie das Aufzeigen konkreter Mehrwerte für Kommunen, etwa durch Abwärmenutzung oder Gewerbesteuereinnahmen, entscheidend.
Nicht nur im Rückblick zeigt sich, dass die Herausforderung nicht allein in einem einzelnen Faktor liegt, sondern im Zusammenspiel dieser verschiedenen Anforderungen.
Gerade auf kommunaler Ebene erleben wir sehr unterschiedliche Bewertungen von Rechenzentren: Für die einen sind sie unverzichtbare digitale Infrastruktur und wirtschaftliche Chance, für andere zunächst vor allem große Stromverbraucher und Flächennutzer. Was wird in dieser Debatte auf beiden Seiten häufig unterschätzt?
Kritiker sehen vor allem Stromverbrauch und Flächenbedarf, übersehen jedoch die wirtschaftliche Bedeutung und die großen Spill-over-Effekte: Rechenzentren sind zentrale Infrastruktur für digitale Geschäftsmodelle, stärken das digitale Ökosystem und werden zunehmend zum Standortfaktor. Auch Potenziale wie Abwärmenutzung und Effizienzgewinne moderner Anlagen finden oft zu wenig Beachtung.
Die unterschiedlichen Akteure unterschätzen zudem häufig die Notwendigkeit der integrierten und strategische Planung, in der Rechenzentren mit Energiesystemen – Abwärmenutzung ebenso wie Energieerzeugung – enger verzahnt sind. Fragen der digitalen Souveränität, der sicheren Dateninfrastruktur und der europäischen Wettbewerbsfähigkeit spielen überdies häufig eine zentrale Rolle, die weit über die kommunale Ebene hinausgeht.
Muss die nächste Entwicklungsphase zwangsläufig bedeuten, dass sich weiteres Wachstum stärker außerhalb des etablierten Frankfurter Clusters verteilt – oder bleibt die räumliche Konzentration rund um den Internetknoten auch künftig ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil?
Die nächste Entwicklungsphase bedeutet aus unserer Sicht keine Abkehr vom Frankfurter Cluster, aber eine stärkere räumliche und strukturelle Differenzierung der Entwicklung. Der Standort rund um den Internetknoten DE-CIX bleibt aufgrund seiner hohen Konnektivität, der bestehenden Infrastruktur und der dichten Ansiedlung von IT-Unternehmen ein zentraler Wettbewerbsvorteil für bestimmte Geschäftsmodelle. Gleichzeitig stößt die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main an Grenzen hinsichtlich der verfügbaren Flächen und der Energieversorgung. Durch diese Herausforderungen, aber auch die Herausbildung vielfältiger Geschäftsmodelle und -prozesse, die nicht zwingend auf niedrige Latenzen angewiesen sind oder die eine größere Nähe zu Kundenstandorten erfordern, verlagert sich ein Teil des Wachstums in die Fläche. Beispiele aus Hessen zeigen, dass sich bereits erfolgreiche Projekte in Mittelzentren etablieren. Dennoch ersetzen diese dezentralen Strukturen das Frankfurter Zentrum nicht, sondern ergänzen es funktional.
Wie die Rechenzentrumsstrategie des Landes erläutert, entwickelt Hessen derzeit Instrumente, mit denen geeignete Standorte früher identifiziert und kommunale Planungs- und Genehmigungsprozesse besser unterstützt werden sollen. Was soll dadurch in der Praxis anders werden als heute – sowohl für Investoren als auch für die betroffenen Kommunen?
Das Flächenpotentialkataster bringt einerseits für Investoren und Betreiber schneller Klarheit über möglicherweise geeignete Standorte im Hinblick auf Netzanschlüsse, das vorhandene Glasfasernetz, die Flächenart und ggf. das Abwärmepotenzial. Dies leistet einen Beitrag zur Transparenz und Entwicklung von Standorten auch in der Fläche. Andererseits können Kommunen auf diese Art und Weise transparent Ihr Interesse an der Ansiedlung von Rechenzentren zeigen und sind nicht mehr unbedingt darauf angewiesen, beispielsweise auf Immobilienmessen die Flächen vorzustellen und aktiv nach Investoren zu suchen. Diese Form der Angebotssteuerung, als die Nachfrage über Einschränkungen steuern zu wollen.
Ein wiederkehrendes Thema ist die Nutzung von Rechenzentrumsabwärme. In der öffentlichen Debatte entsteht gelegentlich der Eindruck, es müsse lediglich ein Rechenzentrum vorhanden sein, damit auch Wärme genutzt werden kann. In der Praxis müssen jedoch Wärmenetze, Abnehmer, Temperaturen, Zeitpläne und Geschäftsmodelle zusammenpassen. Wie kann Politik dazu beitragen, dass aus einem regulatorischen Anspruch tatsächlich funktionierende Projekte entstehen?
Die Nutzung von Rechenzentrumsabwärme erfordert mehr als nur regulatorische Zielvorgaben, sondern ein abgestimmtes Zusammenspiel von Technik, Infrastruktur und Marktakteuren. Politik kann dazu beitragen, indem sie klare, langfristig verlässliche Rahmenbedingungen schafft, die sowohl ambitioniert als auch realistisch umsetzbar sind. Dazu gehören verbindliche, aber flexible Anforderungen an die Abwärmenutzung sowie standardisierte Definitionen und Planungsgrundlagen. Zentral bleibt der Ausbau der Wärmenetze. Hier muss der Fokus auf die Schaffung investitionsfreundlicher Rahmenbedingungen liegen. Standardisierte Vertragsmodelle und ein klarer Rechtsrahmen, die Planungssicherheit für alle Beteiligten schaffen, können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.
Das Land Hessen hat die Relevanz dieses Potentiales übrigens früh erkannt und unterstützt beispielsweise die Identifikation und Nutzung von Abwärmequellen über den Wärmeatlas Hessen. Dort stehen Daten zu Abwärmepotentialen frei zugänglich zur Verfügung. Mit einer neuen Schulungsoffensive sollen hessische Unternehmen, Stadtwerke sowie Energieeffizienzberater und Wärmeplaner zudem befähigt werden, Abwärmepotentiale zu erkennen, deren Nutzung zu bewerten und entsprechende Projekte erfolgreich umzusetzen.
Hessen verfügt heute über Erfahrungen, die viele Bundesländer erst noch sammeln werden. Wenn Sie einem Land, das gerade beginnt, größere Rechenzentrumsansiedlungen strategisch zu entwickeln, Empfehlungen geben könnten: Was sollte es von Anfang an richtig machen – und welchen Fehler sollte es möglichst vermeiden?
Die anderen Länder in Deutschland haben sich bereits längst auf den Weg gemacht, ich denke da an Nordrhein-Westfalen oder auch Brandenburg. Insoweit existieren bereits heute viele Praxisbeispiele, die zeigen, was funktioniert und wo es Verbesserung Möglichkeiten gibt. Wichtig ist es zum Beispiel, bereits früh akzeptanzfördernde Maßnahmen zu unterstützen beziehunsgweise aufzusetzen. Bausteine hierzu sind unter anderem, die Bedenken der Bevölkerung ernst zu nehmen und die Öffentlichkeit frühzeitig und offen einzubinden, Unsicherheiten abzubauen und Transparenz zu schaffen. Zugleich ist es wichtig, Gesprächs- und Dialogplattformen themenspezifisch mit Übertragungs- und Verteilernetzbetreibern aufzubauen, um Klarheit darüber zu gewinnen, wo eine angebotsorientierte Flächenpolitik Sinn ergibt – beispielsweise bei der Konversion von Brachflächen – und entsprechende Rahmenbedingungen vorhanden sind.
Vielen Dank für das Gespräch!
Was prägt den deutschen Rechenzentrumsmarkt 2026/27?
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