Den Weg für ein neues Rechenzentrum zu bereiten, geht mit intensiven Vorbereitungen und Planungen einher. Die Projektentwickler müssen viele, teilweise gegensätzliche Anforderungen beachten, um einen geeigneten Standort zu finden. Je mehr Rechenleistung benötigt wird, desto schwieriger ist die Suche. Doch eines ist klar: Ein technisch ausgefeiltes Konzept allein reicht längst nicht aus. Ebenso wichtig sind die frühzeitige Information, der offene Austausch und die Einbeziehung der Menschen vor Ort. Wir sprechen darüber mit Michelle Heitkamp, die bei NTT Global Data Centers in EMEA das Thema Community Engagement verantwortet.
Community Engagement gewinnt in der Rechenzentrumsbranche zunehmend an Bedeutung. Wo sehen Sie dessen Kernaufgaben?
Unsere Erfahrung zeigt, dass ein belastbares Vertrauensverhältnis mit den Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft zu unseren Rechenzentren entscheidend zur Akzeptanz beiträgt. Community Engagement zielt darauf ab, dieses Vertrauensverhältnis aufzubauen und zu pflegen. Wir möchten frühzeitig ansprechbar sein, transparent informieren, zuhören und Hinweise aus der Nachbarschaft in die weitere Planung einbeziehen.
Vertrauen aufzubauen ist in der Regel ein längerer Prozess. Wann ist aus Ihrer Sicht der beste Zeitpunkt, um Aktivitäten zu starten?
Sobald ein Standort ernsthaft in Erwägung gezogen wird, beginnen wir mit dem Dialog. Schon in der Planungsphase, also deutlich vor den aufwändigen Genehmigungsprozessen, halten wir es für besonders wichtig, die Menschen möglichst umfassend zu informieren, ihre Bedenken zu verstehen und erkennbare Anliegen zu klären. Auch wenn unser Planungsteam gründlich recherchiert hat und keine grundlegenden Einwände erkennt, könnten politische Gremien oder Teile der Bevölkerung berechtigte Bedenken haben, die gegen den Bau eines Rechenzentrums sprechen. Umso wichtiger ist es, mögliche Vorbehalte frühzeitig zu erkennen, den Dialog zu suchen und offene Fragen umfassend zu beantworten. Eine Erfolgsgarantie gibt es dadurch nicht. Die Wahrscheinlichkeit steigt jedoch deutlich, ein Projekt umzusetzen, von dem die Region und wir gleichermaßen profitieren.
Der Bebauungsplan für den geplanten FRA6-Campus in Nierstein wurde im Dezember 2025 einstimmig beschlossen, ebenso zuvor die Änderung des Flächennutzungsplans. Welche Rolle spielte dabei der frühzeitige Dialog vor Ort und wie haben Sie diesen gestaltet?
Der frühzeitige und umfassende Dialog war neben der sorgfältigen fachlichen Planung und den gesetzlich vorgesehenen Beteiligungsverfahren ein wichtiger Baustein. Parallel zur öffentlichen Vorstellung der Planungen haben wir im Herbst 2024 die erste Informationsveranstaltung für die Region und die lokale Presse angeboten. Mehr als 350 Menschen folgten der Einladung. Auch die zweite Informationsveranstaltung im Sommer 2025 stieß auf großes Interesse. Fragen und Hinweise haben wir dokumentiert und auf einer eigenen Projektwebseite fortlaufend beantwortet. Dort finden Interessierte außerdem den aktuellen Planungsstand, weiterführende Informationen über Rechenzentren und eine eigene Kontaktadresse für zusätzliche Fragen.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen auf dem Weg zu einer guten Nachbarschaft?
Die größte Herausforderung auf dem Weg zu einer guten Nachbarschaft ist aus unserer Sicht, Wissen über Rechenzentren zu vermitteln. Vielen Menschen ist nicht bewusst, welche Rechenzentrumskapazitäten für digitale Dienste wie sozialen Medien, Streaming, Online-Shopping oder KI-Anwendungen erforderlich sind. Gleichzeitig bestehen weiterhin Unsicherheiten und Vorbehalte gegenüber dem Betrieb von Rechenzentren.
Deshalb setzen wir auf den direkten Dialog mit der Nachbarschaft. Formate wie der Tag der offenen Rechenzentren (TdoRZ), den die GDA am 6. November 2026 zum vierten Mal organisiert, schaffen Einblicke und beantworten offene Fragen. Teilnehmende Rechenzentren in ganz Deutschland öffnen dann ihre Türen für Vorträge und Führungen. Wir beteiligen uns seit 2023 daran und erleben jedes Jahr großes Interesse.
Eine weitere Herausforderung ist die Sensibilisierung aller am Bau beteiligten Projektpartner für die Bedeutung einer transparenten Kommunikation. Gerade bei Bauprojekten sind wir auf eine enge Abstimmung angewiesen. Wenn wir den Nachbarn zusagen, sie frühzeitig über mögliche Einschränkungen zu informieren, müssen wir diese Informationen vorher selbst rechtzeitig erhalten. Das gilt es auch bei unseren Zulieferern zu verankern.
Endet Community Engagement mit der Inbetriebnahme des Rechenzentrums?
Nein, im Gegenteil. Wir möchten auch nach der Inbetriebnahme ein guter Nachbar bleiben und eine langfristig gute Beziehung zu den Menschen vor Ort pflegen. Es geht darum, anerkannter Teil des Wirtschaftsstandorts zu sein und als verlässlicher Partner wahrgenommen zu werden. Das schafft Vertrauen und Raum, um auch in schwierigen Fragen gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Darüber hinaus ist eine gute Reputation wichtig, um engagierte Mitarbeitende zu gewinnen und unsere Kunden zu überzeugen.
Können Sie einige Best Practices mit uns teilen, die eine langfristig gute Nachbarschaft fördern?
Gerne. Starten wir mit der Wissensvermittlung: Eine gute Nachbarschaft kennt sich. Wer versteht, wie ein Rechenzentrum funktioniert und warum es wichtig ist, kann Falschinformationen besser einordnen. Sofern es unsere Abläufe zulassen, bieten wir deshalb auch Führungen in unseren Rechenzentren an.
Zentral ist auch die Authentizität: Kritik nehmen wir ernst und sprechen sie offen an. Im Betrieb eines Rechenzentrums oder bei Neu- und Umbauten können immer auch unvorhergesehene Dinge passieren. Wir suchen in solchen Fällen gezielt den Dialog mit den Betroffenen. So haben wir bereits Bürgerdialoge gezielt für die zehn bis 15 unmittelbaren Anwohner eines Rechenzentrums durchgeführt, um über geplante Umbaumaßnahmen zu informieren. Weitere Dialoge sind geplant.
Im Kern geht es darum, sichtbar und ansprechbar zu bleiben. In Städten und Gemeinden, in denen wir Rechenzentren betreiben, bringen wir uns auch in die Gemeinschaft vor Ort ein, etwa durch Sponsoring von Bildungsangeboten im MINT-Bereich an Schulen und Hochschulen oder durch Freiwilligentage in den Kommunen, für die wir unsere Mitarbeitenden motivieren und freistellen. Anregungen aus dem Kreis unserer Mitarbeitenden am Standort nehmen wir dabei gerne auf.
Was prägt den deutschen Rechenzentrumsmarkt 2026/27?
Der Datacenter Outlook Germany 2026/27 verbindet Marktanalyse, politische Perspektiven und Erfahrungen aus dem gesamten Rechenzentrumsökosystem. Einblicke und Einschätzungen von Expertinnen und Experten der Rechenzentrumsbranche zu Entwicklungen, Hemmnissen und Trends sowie Beiträge zu aktuellen politischen Positionen der German Datacenter Association ergänzen das Gesamtbild.
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