Welche Rechenzentrumsmodelle passen zu Schleswig-Holstein?
Wir sprachen mit Julia Carstens, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein.
Schleswig-Holstein ist als Flächenland anders strukturiert als viele der großen deutschen Wirtschafts- und Digitalstandorte. Welche Anforderungen ergeben sich daraus an eine zukunftsfähige digitale Infrastruktur – und welche Chancen kann ihr Ausbau für die wirtschaftliche und regionale Entwicklung des Landes eröffnen?
Staatssekretärin Julia Carstens: Die Wirtschaft in Schleswig-Holstein ist überwiegend mittelständisch geprägt. Und der Mittelstand braucht eine gute Infrastruktur, die bei uns vorhanden ist. Unser Land liegt zwischen Nord- und Ostsee, verbindet Skandinavien mit Mitteleuropa, deshalb ist eine zentrale Netzinfrastruktur mit leistungsfähigen Backbones vorhanden. Schleswig-Holstein ist aber auch Vorreiter beim Glasfaserausbau. Rund 90 Prozent der Bevölkerung hat eine Anschlussmöglichkeit, zwei Drittel davon nutzen sie. Das fördert die digitale Akzeptanz und damit auch die Akzeptanz für digitale Infrastruktur.
Ein Baustein könnten kleinere, regional verteilte Rechenzentren sein – etwa Edge-Rechenzentren, die von privaten Anbietern aber auch von Stadtwerken, kommunalen Unternehmen oder Glasfaseranbietern aufgebaut werden. Sehen Sie darin ein Modell für Schleswig-Holstein, um digitale Dienste und Rechenkapazitäten stärker in die Fläche zu bringen?
Ja, wir haben landesweit Anfragen für Rechenzentren, weil wir beim Netzausbau gut unterwegs sind. Das gilt sowohl für Strom als auch für Daten. Regional verteilte Rechenzentren sind für die Akzeptanz in der Bevölkerung wichtig, die Nähe zu Unternehmen und Nutzern wiederum ein wichtiger Faktor für Folgeansiedlungen. Zudem kann bei einer regionalen Verteilung in der Regel die Abwärme von Rechenzentren besser genutzt werden. Also eine klassische Win-win-Situation. Die Betreiber können mit Nachhaltigkeit werben und die Bevölkerung mit günstiger Wärme versorgt werden. Daher sind regional verteilte Rechenzentren für uns ein wichtiger Baustein für die digitale Infrastruktur.
Für erfolgreiche Rechenzentrumsstandorte müssen unterschiedliche Voraussetzungen zusammenspielen: leistungsfähige Strom- und Glasfasernetze, geeignete Flächen, Planungssicherheit und geeignete kommunale Rahmenbedingungen. Wo sehen Sie Schleswig-Holstein heute bereits gut aufgestellt – und an welchen Stellen muss das Land noch Voraussetzungen schaffen?
Unser Bundesland ist ein idealer Standort für energieintensive Betriebe wie Rechenzentren, denn hier werden mehr als doppelt so viel regenerative Energien erzeugt wie verbraucht. Wir sind – wie gesagt – Vorreiter beim Netzausbau und die Netzstabilität liegt über dem Bundesdurchschnitt. Auch das Flächenpotenzial ist durch den Netzausbau und den damit verbundenen Bau zahlreicher neuer Umspannwerke gut. Aber hier haben wir noch Luft nach oben. Unser Ziel ist, über unseren Landesentwicklungsplan dafür zu sorgen, dass eine Flächenvorsorge für energieintensive Betriebe dort ausdrücklich möglich ist.
Unterschiedliche Rechenzentrumsmodelle stellen unterschiedliche Anforderungen an ihren Standort: Edge-Infrastrukturen profitieren von der Nähe zu Unternehmen und Nutzern, während große Rechenzentren für KI-Training weniger stark an klassische Internetknoten gebunden sind, dafür aber hohe Anforderungen an Energieversorgung und Netzkapazitäten stellen. Liegt für Schleswig-Holstein gerade in dieser Bandbreite eine Chance – und braucht es dafür eine differenzierte Ansiedlungsstrategie?
Für Schleswig-Holstein liegt in der Bandbreite unterschiedlicher Rechenzentrumsmodelle eine große Chance. Wirtschaftspolitisches Ziel ist es, den Überschuss an regenerativen Energien vor Ort besser zu nutzen und dadurch die Wertschöpfung im Land zu erhöhen. Die Ansiedlung energieintensiver Betriebe wie Rechenzentren folgt dem Netzausbau der Netzbetreiber. Das gilt sowohl für das Verteilnetz als auch für das Übertragungsnetz. Die freie Anschlusskapazität an das Stromnetz ist der entscheidende Faktor, bevor weitere Voraussetzungen erfüllt werden können. Hilfestellung bieten Netzbetreiber wie TenneT oder SH Netz. Eine Erstinformation über freie Anschlusskapazitäten ist hier auch online möglich. Durch den fortschreitenden Netzausbau wird es immer wieder neue freie Anschlusskapazitäten geben. Daher ist der Netzausbau in Schleswig-Holstein wichtig für die Energiewende und wichtig für ansiedlungswillige Betriebe.
Digitale Infrastruktur kann mehr sein als ein Standortfaktor für Rechenzentren selbst. Leistungsfähige Glasfasernetze, regionale Rechenkapazitäten und der Zugang zu Cloud und KI-Infrastruktur können auch für Industrie, Mittelstand, Forschung und neue Geschäftsmodelle interessant sein. Wie kann das Land dazu beitragen, dass rund um diese Infrastruktur ein breiteres regionales digitales Ökosystem entsteht?
In der Ansiedlungsstrategie Schleswig-Holsteins ist die Digitalwirtschaft seit vielen Jahren ein Schwerpunkt des Landes. So gibt es das Cluster DiWiSH (Digitale Wirtschaft Schleswig-Holstein) bereits seit 20 Jahren. DiWiSH vernetzt landesweit die digitale Branche und fördert den Transfer digitaler Technologien in andere Wirtschaftszweige. Das Cluster bringt Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Politik zusammen und stärkt auf diese Weise den Digitalstandort Schleswig-Holstein. Es gibt also bereits ein breit aufgestelltes digitales Ökosystem in Schleswig-Holstein, das auch für Rechenzentren interessant ist. Auch in puncto Glasfaserausbau sind die Rahmenbedingungen in Schleswig-Holstein optimal: In einem starken Zusammenspiel von Land, Kommunen und privaten Akteuren haben wir seit 2013 eine Breitbandstrategie umgesetzt, die klar auf das Infrastrukturziel Glasfaser ausgerichtet ist. Inzwischen sind Glasfasernetze für Wirtschaft, Wissenschaft und Bürgerinnen und Bürger in allen Regionen des Landes verfügbar.
Wenn wir auf das Jahr 2030 schauen: Wie sähe für Sie eine erfolgreiche digitale Infrastrukturentwicklung Schleswig-Holsteins aus? Welche Rolle könnten dabei sowohl regionale und dezentrale Rechenzentren als auch größere Standorte spielen – und woran würden Sie erkennen, dass daraus tatsächlich wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Mehrwert für das Land entstanden ist?
Schleswig-Holstein leistet einen großen Beitrag zur Energiewende und wird auch einen Beitrag zur Datensouveränität leisten. So werden sich in den nächsten Jahren nachhaltige Rechenzentren an vielen Standorten regional und dezentral ansiedeln und den Mittelstand in Schleswig-Holstein weiter stärken. An einigen wenigen Standorten werden sich auch größere Rechenzentren ansiedeln. Das richtet sich nach dem laufenden Ausbau der Stromnetzinfrastruktur, während die Verfügbarkeit der Glasfasernetze bereits jetzt schon kein limitierender Faktor ist. Die Rechenzentren werden zu Folgeansiedlungen führen und den Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein weiter stärken. Die Standortkommunen profitieren von zusätzlichen Steuereinnahmen und qualifizierten Arbeitsplätzen. Die Akzeptanz für neue Rechenzentren ist vorhanden, solange der Betrieb nachhaltig erfolgt und die Abwärme sinnvoll genutzt wird. Auf diese Weise ist der Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten eine Chance für Schleswig-Holstein.
Vielen Dank für das Gespräch!
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