Digitale Souveränität setzt leistungsfähige physische Infrastruktur voraus. Lars Mostert, COO bei hyceon, beschreibt, warum Rechenzentren künftig stärker als Teil eines Standortökosystems gedacht werden müssen – gemeinsam mit Energieversorgung, Wärmenetzen, Kommunen und regionaler Entwicklung.

Lars Mostert ist Chief Operating Officer (COO) bei hyceon.

Dieser Artikel erschien im Datacenter Outlook Germany 2026/27. Der Datacenter Outlook Germany der GDA beleuchtet Entwicklungen, Trends und Perspektiven des deutschen Rechenzentrumsmarkts. Er erscheint jährlich anlässlich der German Datacenter Conference (GDACon).

Digitale Souveränität braucht digitale Infrastruktur

Warum Deutschland einen neuen Schulterschluss zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Rechenzentrumsbranche braucht

Die digitale Souveränität Deutschlands und Europas gehört heute zu den zentralen politischen Zielen. Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz, die wachsende Bedeutung europäischer Cloud-Lösungen und die zunehmende Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung machen deutlich: Wer Daten verarbeiten, speichern und schützen will, benötigt leistungsfähige digitale Infrastruktur. Rechenzentren sind damit längst kein Nebenschauplatz der Digitalisierung mehr – sie bilden ihr Fundament.

Bundesregierung, Europäische Union und zahlreiche Landesregierungen haben diese Bedeutung erkannt. Programme zur Förderung von KI, Initiativen zur Stärkung europäischer Datenräume und Investitionen in digitale Technologien verfolgen ein gemeinsames Ziel: Europa soll bei Zukunftstechnologien unabhängiger werden und seine digitale Handlungsfähigkeit ausbauen.

Doch genau an dieser Stelle entsteht ein bemerkenswertes Spannungsfeld. Während auf nationaler und europäischer Ebene die Notwendigkeit zusätzlicher Rechenzentrumskapazitäten kaum noch infrage gestellt wird, gestaltet sich die Realisierung neuer Standorte auf kommunaler Ebene zunehmend schwieriger. Genehmigungsprozesse werden komplexer, Flächenkonkurrenz nimmt zu und bereits bestehende Fragen der resilienten und nachhaltigen Energieversorgung gewinnen weiterhin an Relevanz. Die Folge ist ein Zielkonflikt, der den Ausbau digitaler Infrastruktur zunehmend verlangsamt.

Der politische Konsens endet häufig an der Stadtgrenze

Kaum jemand bestreitet heute die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Rechenzentren. Ohne sie funktionieren Cloud-Plattformen, digitale Verwaltungsdienste, Industrie-4.0-Anwendungen oder KI-Systeme nicht. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Rechenleistung in einem bislang kaum gekannten Tempo.

Dennoch erleben viele Projektentwickler und RZ Betreiber eine zunehmend kritische Diskussion vor Ort. Kommunen stehen unter Druck, ihre begrenzten Flächen sorgfältig zu priorisieren. Wohnungsbau, Gewerbeansiedlungen, Energiewirtschaft, Verkehrsinfrastruktur und Naturschutz konkurrieren um dieselben Flächen. Rechenzentren werden dabei nicht immer als strategische Infrastruktur wahrgenommen, sondern häufig als zusätzlicher Flächen- und Energieverbraucher.

Diese Perspektive ist nachvollziehbar, greift jedoch oft zu kurz. Denn während die Vorteile digitaler Dienste von Bürgern, Unternehmen und Verwaltungen selbstverständlich genutzt werden, bleibt die dafür notwendige physische Infrastruktur vielerorts unsichtbar. Das Ergebnis ist ein klassischer Zielkonflikt: Die Vorteile der Digitalisierung werden gewünscht, die dafür erforderlichen Infrastrukturen jedoch nicht immer.

Energie wird zum entscheidenden Standortfaktor

Zusätzlich verschärft die Energiefrage die Situation.

Moderne Rechenzentren benötigen nicht nur geeignete Flächen, sondern vor allem langfristig verfügbare Stromkapazitäten. Gerade in wirtschaftsstarken Ballungsräumen stößt der Ausbau der Stromnetze zunehmend an Grenzen. Netzanschlüsse werden zum kritischen Faktor für Standortentscheidungen.

Gleichzeitig wächst der politische Anspruch an Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Rechenzentren sollen energieeffizient arbeiten, erneuerbare Energien nutzen und möglichst einen Beitrag zur lokalen Wärmewende leisten. Diese Anforderungen sind grundsätzlich sinnvoll und werden von der Branche vielfach unterstützt. Allerdings führen zusätzliche Anforderungen und langwierige Abstimmungsprozesse häufig dazu, dass Projekte erheblich verzögert werden.

Damit entsteht eine paradoxe Situation: Ausgerechnet in dem Moment, in dem Deutschland und Europa ihre digitale Infrastruktur ausbauen wollen, werden die Rahmenbedingungen für ihre Realisierung komplexer.

Zwischen den Welten

Die Rechenzentrumsbranche befindet sich damit in einer besonderen Rolle. Einerseits vertritt sie die Interessen von Unternehmen, die dringend zusätzliche Kapazitäten benötigen. Andererseits muss sie die berechtigten Anliegen von Kommunen, Netzbetreibern, Anwohnern und politischen Entscheidungsträgern berücksichtigen.

Die Herausforderung besteht nicht darin, einen Sieger in diesem Konflikt zu bestimmen. Vielmehr geht es darum, die unterschiedlichen Interessen miteinander in Einklang zu bringen.

Kommunen benötigen Planungssicherheit und nachvollziehbare Mehrwerte für ihre Region. Netzbetreiber brauchen langfristige Ausbauperspektiven. Die Politik benötigt leistungsfähige Infrastruktur für ihre Digitalisierungs- und KI-Strategien. Unternehmen wiederum sind auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen, um Investitionen tätigen zu können.

Der Erfolg zukünftiger Rechenzentrumsprojekte wird deshalb zunehmend davon abhängen, ob es gelingt, diese verschiedenen Interessen frühzeitig zusammenzuführen.

Vom Infrastrukturprojekt zum Standortökosystem

Die Rechenzentren der Zukunft können nicht mehr isoliert betrachtet werden. Sie werden Teil eines umfassenden Standortökosystems.

Dazu gehören die Integration in kommunale Wärmeplanung, die Nutzung von Abwärme, intelligente Energiekonzepte, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie eine frühzeitige Abstimmung mit Netzbetreibern und Kommunen. Je stärker Rechenzentren als Bestandteil regionaler Entwicklungsstrategien verstanden werden, desto größer werden Akzeptanz und Planungssicherheit.

Entscheidend ist dabei ein Perspektivwechsel: Rechenzentren sind nicht nur Verbraucher von Energie und Fläche, sondern Enabler der digitalen Transformation. Sie schaffen die Grundlage für KI-Anwendungen, digitale Dienstleistungen, moderne Industrieprozesse und damit für einen erheblichen Teil der zukünftigen Wertschöpfung.

Der ehrliche Mediator einer digitalen Zukunft

Deutschland steht vor der Herausforderung, digitale Souveränität nicht nur politisch zu fordern, sondern infrastrukturell zu ermöglichen. Der Ausbau von Rechenzentren ist dafür eine notwendige Voraussetzung.

Dazu braucht es Vermittler zwischen den verschiedenen Interessenlagen – Akteure, die technologische Anforderungen, energiepolitische Ziele und kommunale Entwicklungsinteressen zusammenbringen. Nicht der Kampf zwischen Digitalisierung und Regionalentwicklung sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Suche nach gemeinsamen Lösungen.

Die Zukunft der digitalen Infrastruktur entscheidet sich daher nicht allein in Berlin, Brüssel oder den Vorstandsetagen der Technologieunternehmen. Sie entscheidet sich ebenso in Rathäusern, Planungsämtern und Netzleitstellen. Wer digitale Souveränität erreichen will, muss diese Welten zusammenführen.

Denn die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, Rechenzentren gegen andere Interessen durchzusetzen. Die Herausforderung besteht darin, eine Infrastruktur zu schaffen, die technologische Innovation, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz gleichermaßen ermöglicht. Nur dann kann Deutschland die digitale Infrastruktur aufbauen, die seine wirtschaftliche und technologische Zukunft erfordert.

Über den Autor

Lars Mostert ist Chief Operating Officer (COO) bei hyceon. Er begleitet Rechenzentrumsprojekte als Generalplaner an der Schnittstelle von Politik, Kommunen, Energieversorgung und Wirtschaft. Als Kenner der unterschiedlichen Interessenlagen setzt er sich für praktikable Lösungen ein, die digitale Infrastruktur, Versorgungssicherheit und regionale Entwicklung zusammenbringen.

Über TTSP HWP / hyceon

TTSP HWP Planungsgesellschaft mbH ist ein interdisziplinäres Planungs- und Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt auf der Entwicklung, Planung und Realisierung von Rechenzentren sowie komplexen Infrastruktur- und Immobilienprojekten. Das Unternehmen vereint Kompetenzen aus Architektur, Engineering, Masterplanung und Projektmanagement und begleitet lokal und global agierende Kunden über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg. Seit dem Zusammenschluss von TTSP HWP und MCA Architects agieren beide Unternehmen als integrierte, paneuropäische Gruppe mit Standorten in Deutschland und Irland. Gemeinsam bündeln sie ihre langjährige Erfahrung zukünftig unter der Dachmarke hyceon, um innovative, nachhaltige und energieeffiziente Lösungen für Rechenzentrumsprojekte in ganz Europa zu realisieren.


Was prägt den deutschen Rechenzentrumsmarkt 2026/27?

Der Datacenter Outlook Germany 2026/27 verbindet Marktanalyse, politische Perspektiven und Erfahrungen aus dem gesamten Rechenzentrumsökosystem. Einblicke und Einschätzungen von Expertinnen und Experten der Rechenzentrumsbranche zu Entwicklungen, Hemmnissen und Trends sowie Beiträge zu aktuellen politischen Positionen der German Datacenter Association ergänzen das Gesamtbild.

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