Was ein Retrofit bedeutet – und warum er notwendig wird
Notstromanlagen sind in der Regel auf eine Nutzungsdauer von 12 Jahren bei unterbrechungsfreien Stromversorgungen (USV) bis zu maximal 30 Jahren bei Netzersatzanlagen (NEA) ausgelegt. Mit zunehmendem Alter steigt das Ausfallrisiko, Ersatzteile werden knapper und die Technik entspricht häufig nicht mehr den aktuellen Vorschriften oder den gestiegenen Leistungsanforderungen eines Betriebs. Ein Retrofit schafft hier Abhilfe: Darunter versteht man den gezielten Austausch oder die umfassende Modernisierung bestehender Notstromtechnik – beispielsweise von Netzersatzanlagen (NEA), unterbrechungsfreien Stromversorgungen (USV) sowie der zugehörigen Elektro- und Gebäudeleittechnik – innerhalb der vorhandenen Infrastruktur.
Die besondere Herausforderung dabei: Anders als bei einem Neubau steht kein „leeres Gebäude“ zur Verfügung. Der Austausch erfolgt im laufenden Betrieb, also während die Anlage weiterläuft und die versorgten Bereiche – etwa ein Rechenzentrum, eine Produktionsstätte oder ein kritischer Infrastrukturbetrieb – ununterbrochen mit Strom versorgt werden müssen. Ein Stillstand oder auch nur eine kurzzeitige Versorgungslücke während der Bauphase ist in solchen Umgebungen meist ausgeschlossen.
Welche Gewerke bei einem Retrofit zusammenspielen
Ein Notstrom-Retrofit ist selten eine reine Elektroinstallation, sondern ein interdisziplinäres Bauprojekt, das die Koordination mehrerer Gewerke erfordert. Am Anfang stehen häufig die baulichen Rahmenbedingungen, wie Aufstellrahmen, Podeste und Konsolen. Diese müssen für die neue Technik tragfähig konstruiert, montiert und korrosionsgeschützt werden, bevor die eigentlichen Anlagen aufgestellt werden können. Darüber hinaus sind oft bauliche Veränderungen notwendig – etwa Anpassungen an bestehenden Doppelbodensystemen oder andere technische und funktionale Änderungen, um die neue Anlage passgenau in die vorhandene Infrastruktur zu integrieren.
Nach der Konstruktion folgt die eigentliche Installation/Wiederverwendung bestehender Komponenten: Kabeltragsysteme werden montiert, die Elektroverkabelung wird erneuert oder weiterverwendet. Anschließend erfolgt der Austausch der Hauptkomponenten durch eine moderne, ressourcenschonende Netzersatzanlage und eine hocheffiziente, unterbrechungsfreie Stromversorgung. Damit die neuen Anlagen überwacht und gesteuert werden können, muss zudem die Gebäudeleittechnik (GLT) angepasst werden – etwa durch zusätzliche Busanbindungen, potentialfreie Meldungen und eine aktualisierte Visualisierung im Leitsystem. Ergänzend wird meist auch die bestehende Überwachungstechnik, etwa Brandmelde- oder Zutrittskontrollanlagen, an die neue Infrastruktur angepasst, damit Sicherheitsstandards durchgängig erhalten bleiben.
Zum Leistungsumfang gehört üblicherweise auch die Instandsetzung: Oberflächen werden wiederhergestellt, etwa durch Spachtel- und Malerarbeiten. Den Abschluss bildet die Endreinigung sämtlicher betroffenen Flächen, von Böden bis Fenstern, damit die Anlage nicht nur technisch, sondern auch baulich übergabefertig ist.
Weil so viele Gewerke ineinandergreifen, ist ein präziser Bauablaufplan entscheidend. Jeder Bauabschnitt muss so getaktet werden, dass die bestehende Notstromversorgung zu keinem Zeitpunkt unterbrochen wird – häufig bedeutet das, redundante Systeme parallel zu betreiben, während einzelne Komponenten nacheinander ausgetauscht werden. In der Praxis werden solche Projekte deshalb oft als Generalunternehmerleistung organisiert, bei der ein Ansprechpartner sämtliche Gewerke koordiniert, statt dass der Betreiber eine Vielzahl einzelner Fachfirmen selbst steuern muss.
Ein Beispiel aus der Praxis: Für ein Unternehmen in Hamburg wurden zwei Standortverteiler neu errichtet, mit einem Leistungsumfang von Betonstationen über Netzersatzanlagen, USV-Anlagen mit Batterien und Klimatechnik bis zu Brandmelde-, Zutrittskontroll- und Löschanlagen. Ein solches Projekt zeigt exemplarisch, wie viele Fachdisziplinen bei einem Retrofit-Vorhaben ineinandergreifen müssen, damit am Ende eine durchgängig funktionierende und normgerechte Notstromversorgung entsteht.
Sichere Stromversorgung in unsicheren Zeiten
Dass Unternehmen überhaupt in solche Vorhaben investieren, hat einen klaren Hintergrund: Die Versorgungssicherheit ist zu einem zentralen strategischen Thema geworden. Ob Netzschwankungen, geopolitisch verteilte Risiken oder gesetzliche Sicherheitsstandards – die Abhängigkeit vom öffentlichen Stromnetz ist in vielen Bereichen zur potenziellen Schwachstelle geworden. Eine Antwort darauf ist kontrollierte Unabhängigkeit, realisiert durch das Zusammenspiel aus unterbrechungsfreier Stromversorgung (USV), Netzersatzanlagen (NEA) und Batteriespeichern.
Die USV übernimmt bei Stromausfall oder Spannungsschwankungen sofort und ohne Zeitverzögerung die Versorgung sensibler Verbraucher – entscheidend etwa in Rechenzentren und Serverräumen, in denen schon ein kurzer Spannungsabfall zu Datenverlusten führen kann. Sie überbrückt die Zeit, bis eine Netzersatzanlage die Stromerzeugung übernimmt. Reicht die Überbrückung durch die USV nicht aus, kommen Netzersatzanlagen ins Spiel: Diesel- oder von synthetischen Kraftstoffen betriebene Stromerzeuger, die den Energiebedarf eines Betriebs autark abdecken können – von manuell bedienbaren Aggregaten bis zu vollautomatisierten Systemen, die Netzausfälle selbstständig erkennen und binnen Sekunden starten.
Im Zusammenspiel überbrückt die USV die ersten Minuten, während die NEA unmittelbar danach die Versorgung übernimmt; sobald das öffentliche Netz wieder zur Verfügung steht, erfolgt die Rückschaltung automatisch. Ergänzt wird dieses System zunehmend durch Batteriespeicher, die als Puffer und aktive Energiemanager fungieren und auch eine wirtschaftliche Zwischenspeicherung ermöglichen. Immer mehr Unternehmen gehen sogar einen Schritt weiter und prüfen Möglichkeiten eines vollständigen Inselbetriebs, entkoppelt vom öffentlichen Netz.
Ein Retrofit ist damit nicht nur eine technische Notwendigkeit, weil Altanlagen an ihr Gebrauchsdauerende kommen, sondern zugleich eine Gelegenheit: Beim Austausch lässt sich die Notstromversorgung an heutige Anforderungen anpassen – höhere Leistungsdichten, neue regulatorische Vorgaben oder die Integration von Batteriespeichern und regenerativen Energiequellen. So wird aus einem notwendigen Umbau eine strategische Investition in die künftige Resilienz eines Unternehmens. Dies bei gleichzeitiger Effizienzerhöhung, signifikanter Reduktion von Betriebskosten und Verbesserung der CO2-Bilanz.
Über den Autor
Jörg Böhme ist seit 2019 CEO der Notstromtechnik-Clasen GmbH, einem Systemintegrator für herstellerunabhängige, hochverfügbare Notstromsysteme. „Wir rüsten Unternehmen sicher mit Notstrom aus, damit sie sorgenfrei und unabhängig wirtschaften können“, so lautet der Leitsatz des Unternehmens, das seit 1996 dafür sorgt, Kunden insbesondere aus kritischen Infrastrukturen, die bestmögliche, bedarfsgerechte Energieversorgung im Notfall zu konzipieren, zu projektieren, zu installieren und zu warten.
Über die Notstromtechnik-Clasen GmbH
Die Notstromtechnik-Clasen GmbH (NTC) ist seit über 30 Jahren ein führender Systemintegrator im Bereich Notstromkonzeption und -installation. Als herstellerunabhängiges Unternehmen sind wir darauf spezialisiert, maßgeschneiderte Notstromlösungen sowohl in bestehende Infrastrukturen zu integrieren als auch komplette Versorgungssysteme nach individuellen Kundenwünschen sowie nach gesetzlichen und infrastrukturellen Vorgaben zu realisieren. Unsere langjährige Erfahrung reicht von frühen Serverraum-Installationen der späten 1990er-Jahre bis hin zu hochmodernen Rechenzentren aller Leistungsgrößen – einschließlich Projekten mit einer Leistung von bis zu 300 MW.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor liegt in der herstellerneutralen Beratung, Planung, Umsetzung und Betreuung unternehmenseigener Stromversorgungslösungen, auch als Retrofit. NTC entwickelt maßgeschneiderte Konzepte, die exakt auf die technischen, wirtschaftlichen und betrieblichen Anforderungen unserer Kunden zugeschnitten sind – ganz gleich, ob bestehende Systeme erweitert oder neue Anlagen vollständig aufgebaut werden.
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